Alkoholische Themen

Die Sucht im Hirnstamm:

Einleitung:

Die Abhängigkeitserkrankung hat vielschichtige (multifaktorielle) Ursachen und zeigt sich in verschiedenen Bereichen des menschlichen Daseins. Die Symptome und Folgen eines chronischen Suchtmittelkonsums, wie z.B. Alkohol, zeigen sich in körperlichen Beschwerden wie Lebererkrankung, Nervenentzündung oder Bauchspeicheldrüsenentzündung. Auf der psychischen Ebene entwickelt der chronische Konsument Symptome wie Suchtdruck, Entzugserscheinungen, Kontrollverlust und Vernachlässigung von beruflichen und privaten Aktivitäten. Weiterhin können depressive Symptome auftreten oder eine Angststörung, allerdings können diese häufig auch vor der Abhängigkeitserkrankung schon bestanden haben. Der Suchtmittelkonsum ist in vielen Fällen ein ineffektiver Selbstheilungsversuch einer Angststörung oder depressiven Störung gewesen. Im Verlauf des jahrelangen Suchtmittelkonsums können zusätzlich Angststörungen oder depressive Störungen auch als Folge des Suchtmittelkonsums auftreten oder im Sinne eines Teufelskreises können sich diese beiden Störungen gegenseitig verstärken. Im sozialen Bereich zeigen sich Partnerschaftskonflikte, Arbeitsplatzprobleme, Führerscheinverlust und juristische Probleme in Form von Straftaten unter Suchtmittelkonsum.

Ursache der Suchtentstehung:

Von den Fachleuten sind verschiedene Ursachenbündel für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Abhängigkeitserkrankung herausgefunden worden. Zu diesem Ursachenbündel werden erbliche Veranlagungen (genetische Dispositionen) und der Umgang mit Suchtmitteln in der Familie gezählt. Außerdem spielt die Verfügbarkeit des Suchtmittels eine Rolle und die Bewertung des Suchtmittels in der Gesellschaft und im persönlichen Umfeld. Weiterhin wird Alkohol z.B. eingesetzt, um Ängste und Depressionen zu lindern, das Selbstwertgefühl zu steigern und unangenehme Zustände wie Anspannung, Stress oder Schmerzen kurzfristig zu beseitigen. Die langfristige Konsequenz des Suchtmittelkonsums ist dann jedoch negativer Art mit den zuvor beschriebenen körperlichen, psychischen und sozialen Problemen. Sucht ist somit ein bio-psycho-sozial-spirituelles Störungsbild.

Beteiligung des Gehirns (ZNS):

Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben sich mit der Beteiligung des Gehirns (zentrales Nervensystem) beschäftigt um herauszufinden, in welcher Art und Weise das Gehirn an der Entwicklung und Aufrechterhaltung der Abhängigkeitserkrankung beteiligt ist. Man kann die Gehirnfunktionen in 4 große Bereiche aufteilen:

  • Großhirn
  • Kleinhirn
  • Stammhirn/Hirnstamm
  • Mittelhirn.

Im Folgenden werden die wichtigsten Funktionen dieser Hirnteile vereinfacht beschrieben, um als Grundlage für das Verständnis der nachfolgenden Ausführungen vorhanden zu sein.

Das Großhirn, der jüngste Teil des menschlichen Gehirns, hat vielfältige Aufgaben im Bereich der Muskelbewegung, der Gefühlswahrnehmung, der Planung und Entscheidung von Lebensereignissen und der Wahrnehmungsverarbeitungsprozessen. Im Stirnhirn (Frontalhirn) gibt es ein ganz wichtiges Zentrum. Hier soll das menschliche Bewusstsein lokalisiert werden, indem wichtige Entscheidungen und Bewertungen auf Bewusstseinsebene getroffen werden und Fragen beantwortet werden können: Woher kommen die Menschen, was ist der Sinn des Lebens usw… Das Kleinhirn steuert die Koordination, z.B. um eine Tasse Kaffee zielgerichtet zum Mund zu führen. Im Mittelhirn sind wesentliche Gedächtnisstrukturen und emotionale Verarbeitungsprozesse lokalisiert, die bei der Wahrnehmungsverarbeitung große Bedeutungen haben und auch die Bewusstseinsprozesse durch ihre Informationen beeinflussen. Im Mittelhirn ist das episodische Gedächtnis platziert, in dem z.B. alte Lebensereignisse gespeichert sind, der erste Schultag, der erste Kuss oder ähnliches. Es sind nicht nur Bilder, sondern auch Gerüche oder Lieder, die dort abgelegt sind. Für den heutigen Beitrag steht der Hirnstamm (Stammhirn) im Mittelpunkt der Betrachtung! Durch moderne wissenschaftliche Untersuchungen ist festgestellt worden, dass bei der Ab-hängigkeitserkrankung im Laufe der Zeit wesentliche Veränderungen in den Hirnstammprozessen stattfinden, die bei der Aufrechterhaltung und bei den Symptomen der Suchterkrankung eine gravierende Bedeutung haben. Aus diesem Grunde sollen wichtige Aspekte des Hirnstammes (zunächst stark vereinfacht) dargestellt werden.

Der Hirnstamm:

Der Hirnstamm ist der älteste Teil des Gehirns und befindet sich vom Übergang der Halswirbelsäule in den Hinterkopf und ist mittelfingergroß. Im Hirnstamm werden die grundlegenden körperlichen Funktionen wie Herzschlag, Atmung, Darmtätigkeit, Schlaf-Wach-Rhythmus, Hunger, Durst und vieles andere präzise und lebenslang gesteuert. Dieser Steuerungsprozess ist autonom und unterliegt im Wesentlichen nicht der willentlichen Kontrolle. Auch das im Stirnhirn lokalisierte Bewusstseinszentrum ist nicht in der Lage, die Hirnstammprozesse auszuschalten oder bedeutsam zu beeinflussen. Dieses ist eine entscheidende Erkenntnis, die für die nachfolgenden Ausführungen Grundlage ist. Das wesentliche Steuerungszentrum des Hirnstamms ist das neurovegetative Nervensystem mit den Bereichen des Sympathikus und des Parasympathikus, die im Sinne von Aktivierung oder Bremsung die einzelnen Körperfunktionen zielgerichtet und erfolgskritisch steuern. Eine substanzielle Notwendigkeit für die Autonomie dieses Systems ergibt sich dadurch, dass diese Steuerung der lebenswichtigen Funktionen auch im Schlaf funktionieren muss. So wird verständlich, dass unser Schöpfer dieses System autonom konstruiert hat. Man kann die Hirnstammprozesse ausschalten z.B. durch eine Narkose während einer Operation. Dann ist es erforderlich, diese lebenswichtigen Funktionen wie Atmung und Herz-Kreislauf durch einen Narkosearzt überwachen zu lassen und ggf. durch eine künstliche Beatmung zu ersetzen. Die traurige Komplikation des „goldenen Schusses“ bei Heroinüberdosierung hat die Ursache, dass die Überdosis Heroin zu einer Ausschaltung des Atemzentrums führt, die dann zu einer Atemlähmung und dann zum Tode führt. Häufig geschieht dies, wenn der Suchtstoff zu hoch konzentriert (sauber) ist oder der Konsument nach einer Abstinenzphase auf eine Dosis zurückgreift, die er dann nicht mehr tolerieren kann.

Als Zwischenergebnis ist festzustellen:

Der Hirnstamm hat die Funktion die lebenswichtigen körperlichen Prozesse zu steuern, der Hirnstamm arbeitet selbständig (autonom) und unterliegt im Wesentlichen nicht der Kontrolle des Bewusstseins (Großhirn). Die modernen Forschungsergebnisse der Neuropsychobiologie und der bildgebenden Verfahren legen die Vermutung nahe, dass es im Hirnstamm ein alteingesessenes Belohnungszentrum gibt, welches die Aufgabe hat, positive Gefühle bei den betroffenen Menschen zu erzeugen. Ich würde das beschreiben als ein ‚Hurragefühl‘, welches sagt: „Das Leben ist schön.“ Dieses Belohnungszentrum im Hirnstamm arbeitet mit dem Neurotransmitter Dopamin und eine bestimmte, im biologischen Rahmen festgelegte Dopaminausschüttung, erzeugt dieses angenehme ‚Hurragefühl‘. Aus Komplexitätsgründen werden andere wichtige Neurotransmittersysteme (Opiat-Endorphine, Serotonin, Glutamat) hier nicht besprochen.

Natürliche Belohnung (Verstärker):

Wenn wir uns vorstellen, dass dieses Belohnungszentrum schon einige Millionen Jahre existiert und vom Schöpfer als sinnvolle Ergänzung des menschlichen Daseins geschaffen worden ist, dann ist leicht ableitbar, welche menschlichen Verhaltensweisen zu einer Ausschüttung von Dopamin im Hirnstamm führen können.

Diese natürlichen Verhaltensweisen sind:

  • Ernährung
  • Sexualität
  • Beruflicher Erfolg (Mammuterlegen)
  • Kreativität (Höhlenmalerei)
  • Körperliche Bewegung (Tanzen, Singen)
  • Soziale Kontakte.

Die Durchführung dieser Aktivitäten führt zu einer festgelegten Dopaminausschüttung im Hirnstamm, die dann das anschließende ‚Hurragefühl‘ mitbedingt. Die Dopaminausschüttung bewegt sich im Nanogrammbereich. Zum besseren Verständnis des Beitrages sagen wir, dass der Verzehr eines Mammutkoteletts ‚1 kg‘ Dopamin ausschüttet, ein Waldlauf durch den Urwald ebenfalls ‚1 kg‘ Dopamin und eine Liebesstunde des Höhlenmenschenpaares ebenfalls ‚1 kg‘ Dopamin. Eine erhebliche Steigerung der Dopaminausschüttung durch die Kombination von verschiedenen Dingen ist nicht zu erwarten, weil natürliche Mechanismen im Sinne eines biologischen Gleichgewichtes nur wenig Variation erfordern.

Schutzreaktion der Nervenzelle:

Viele Millionen von Jahren hat dieses System gut funktioniert und es ist dadurch durcheinander geraten, dass die chronische Einnahme von ‚Hurragefühl-erzeugenden-Substanzen‘ (Suchtmittel) ebenfalls Wirkung auf die Dopaminausschüttung im Hirnstamm hat. Das ist der Konsum von Wein, das Rauchen von Cannabis, Konsum von Kokain und ebenfalls Verhaltenssüchte scheinen Einfluss auf die Dopaminausschüttung zu haben, wie z.B. Glücksspiel-sucht, pathologischer PC-Gebrauch, Kaufsucht und ähnliches. Wichtig ist zu wissen, dass die Einnahme von psychotropen Substanzen (Suchtmitteln) zu einer vielfachen Ausschüttung von Dopamin im Hirnstamm führt. Diese Ausschüttung ist abhängig von den konsumierten Substanzen und kann bis zum 20-fachen der natürlichen Dopaminausschüttung sein. Das bedeutet der Konsum von Suchtmitteln, sagen wir eine Kombination von Alkohol, Cannabis und Kokain, kann zu einer 20-fachen Ausschüttung des Dopamins im Hirnstamm des betroffenen Konsumenten führen. Dabei steigert sich das ‚Hurragefühl‘ nicht relevant. Wir wissen auch, dass im Folgenden nicht konsumiert wird um das ‚Hurragefühl‘ zu erleben, sondern um die quälenden Entzugserscheinungen zu beseitigen. Die 20-fache Ausschüttung eines Neurotransmitters ist für die Nervenzelle im Hirnstamm eine giftige (toxische) Bedrohung. Es kann sein, dass sie ihre Funktion nicht mehr richtig ausführen kann oder, dass sie durch die Überkonzentration sogar in ihrer Funktion zerstört wird. Aus diesem Grunde ist die Nervenzelle in der Lage, bei chronischer Vergiftung durch ein Suchtmittel (Alkohol, Cannabis etc.) Schutzmechanismen zu entwickeln, damit von den „20 kg“ Dopamin nur noch „1 kg“ Dopamin in der Zelle aufgenommen werden kann. Bildlich gesehen kann man sich vorstellen, dass die Zelle ihre Eingangspforten und ihre Zellwand so stark verändert, dass von den um die Zelle herumschwimmenden „20 kg“ Dopamin nur „1 kg“ Dopamin aufgenommen wird. Dadurch kann das entsprechende ‚Hurragefühl‘ (positive Verstärkung) kurzfristig erzeugt oder später das unangenehme „Ich-quäl-mich-Gefühl“ beseitigt werden(negative Verstärkung). Dieser Schutzmechanismus ist je nach Suchtmittel ein langwieriger Prozess und kann Monate bis Jahre dauern, wenn der Konsument/ die Konsumentin die Einnahme des Suchtmittels überlebt und nicht durch z.B. eine Überdosis verstirbt. Bei der Alkoholabhängigkeit wissen wir, dass diese Entwicklung 10-20 Jahre dauern kann und ein typisches Phänomen dieser neurobiologischen Veränderung ist die Toleranzentwicklung und die dadurch erforderliche Dosissteigerung, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Plötzliche Abstinenz:

Entscheidet sich nun ein Konsument aufgrund von äußerem Druck durch Arbeitgeber, Ehepartner oder Gericht dazu das Suchtmittel nicht mehr zu konsumieren, kommt es zunächst zu den typischen psychovegetativen Entzugserscheinungen, die eine qualifizierte Entgiftung in einer Klinik, in einer Tagesklinik oder bei einem niedergelassenen Arzt erforderlich machen. Je nach Komplikation (Delir, Entzugskrampfanfall) ist dann der geeignete Ort für die qualifizierte Entzugsbehandlung zu wählen. Nach Abklingen der klassischen Entzugssymptome spricht man dann von der Entwöhnungsphase. Diese Entwöhnungsphase kann im Rahmen einer ambulanten, ganztägig ambulanten oder stationären Entwöhnungsbehandlung und mit Unterstützung der Selbsthilfegruppe durchgeführt werden. Es gibt auch eine bestimmte Anzahl von Menschen, die allein mit Hilfe der Selbsthilfegruppe diese Entwöhnungsphase konstruktiv überstanden haben. Gerade die ersten Wochen nach der akuten Entzugsbehandlung sind von neurobiologisch besonderer Bedeutung und sollen deswegen ausführlich dargestellt werden. In diesen ersten Wochen der Entwöhnungsphase geht der betroffene Mensch durch die Wüste der Freudlosigkeit und ist besonders anfällig für gereizte Stimmungen, Suchtdruckattacken und wechselnde Motivationslagen in Bezug auf Krankheitsakzeptanz und Abstinenz. Diese Prozesse sind auch neurobiologisch durch Prozesse im Hirnstamm mitbedingt und sollen zum Verständnis dieses komplizierten Therapieverlaufes dargestellt werden.

Zeit der Freudlosigkeit (Anhedonie):

Ich glaube, dass es zum Verständnis dieser schwierigen Phase für suchtkranke Menschen wichtig ist diese Prozesse zu kennen und zu verstehen, damit sie auch im Sinne von Krisenmanagement auf bestimmte Hilfsangebote zurückgreifen können. In folgender Situation befindet sich der Hirnstamm am Anfang der Entwöhnungsphase, die nach meiner Erfahrung 6-12 Wochen anhalten kann. Die Nervenzelle im Hirnstamm hat sich jahrelang gegen die Überdosis von Dopamin geschützt und entsprechende Veränderungen an der Zellwand und an den Eintrittskanälen durch mühselige Modifikation hergestellt. Das Großhirn des Konsumenten hat aufgrund von externem Druck entschieden das Suchtmittel nicht mehr zu konsumieren, hat die aktive Entzugsphase überstanden und befindet sich nun in einem Stadium der Gereiztheit und der Freudlosigkeit. Dieses geschieht dadurch, dass die Nervenzelle im Hirnstamm noch ihre jahrelang aufgebauten Schutzmechanismen hat, die die Dopaminaufnahme in die Zelle reduzieren. Der Alkohol-, Cannabis-oder Kokainkonsum, der eine „20 kg“ Dopaminausschüttung bewirkt hat, findet nicht mehr statt und die natürlichen Mechanismen wie Essen, Sport, Sexualität erzeugen nur ein „1 kg“ Dopamin So befindet sich der betroffene Mensch in einem ‚Dopaminmangelzustand‘, weil durch die natürlichen Prozesse die „20 kg“ Dopamin nicht erzeugt werden können. Der Abbau der Schutzmechanismen in der Nervenzelle benötigt nach meiner Erfahrung einige Wochen bis Monate, sodass hirnstammbedingt richtige Freude oder ‚Hurragefühle‘ der alten Art oder vergleichbar mit dem Suchtmittelkonsum nicht erzeugt werden können. Betroffene suchtkranke Menschen versuchen dies durch das Phänomen der Suchtverlagerung, nämlich durch verstärktes Essen, Rauchen, Kaffeekonsum etc. zu kompensieren. Auf diesem Wege soll versucht werden die natürliche Dopaminausschüttung zu steigern, was aber nur bedingt möglich ist, sodass allenfalls nur ganz kurzfristig eine Linderung spürbar ist. Dass für die Erzeugung von positiven Gefühlen noch andere Neurotransmitter wie Serotonin, Endorphine etc. erforderlich sind steht außer Frage, soll aber in diesem Vortrag nicht weiter ausgeführt werden, um die Funktion des Hirnstammes besser zu verdeutlichen. In dieser ‚Dopaminmangelphase‘ haben wir es häufig mit gereizten, in der Motivation wechselnden und in ihrer Wirksamkeitserwartung eingeschränkten Menschen zu tun, den immer wieder Mut gemacht werden sollte, durch diese Mangelsituation ohne Rückfall durchzugehen, weil die „Oase der Freude“ in 6-12 Wochen erreicht werden kann. Dazu dienen in der Hellweg-Klinik Oerlinghausen z.B. Fachvorträge für die Patienten zu diesen neurobiologischen Veränderungen. Die therapeutischen Mitarbeitenden und der medizinische Bereich (Ärzte, Pflegedienst) sind auf diese Veränderungen und die damit verbundenen emotionalen Krisen eingestellt und können mit psychotherapeutischen, psychiatrischen und pharmakologischen Maßnahmen Linderung verschaffen. Entscheidend ist, dass die Nervenzelle im Hirnstamm bei ihren Heilungsvorgängen nicht gestört wird durch erneute Rückfälligkeit (Substanzkonsum), weil diese die Heilungsvorgänge zumindest unterbrechen oder stoppen würde. Der betroffene Mensch bemerkt die Heilungsvorgänge daran, dass er plötzlich wieder Vögel zwitschern hört, sich an der Sonne erfreuen kann und dass die natürlichen Verstärker und die damit verbundene Dopaminausschüttung die entsprechenden altvertrauten ‚Hurragefühle‘ erzeugen, ohne dass dafür ein Doping (Suchtmittelkonsum/ Verhaltenssüchte) erforderlich ist. Diese Erfahrung, die nach 6-12 Wochen eintritt, verstärkt die Therapie-und Behandlungsmotivation und unterstützt die psychotherapeutischen, ärztlichen, kreativtherapeutischen und arbeitstherapeutischen Maßnahmen. Sie sind Ergebnis eines Selbstheilungsprozesses im Hirnstamm, der durch die Abstinenz vom Suchtmittel in Gang gesetzt wird. Salopp gesprochen ist die Aufgabe des therapeutischen Teams, den Patienten solange bei Laune zu halten, bis die Selbstheilungskräfte im Hirnstamm die alten Mechanismen des Belohnungszentrums wieder reaktiviert haben.

Selbstheilung:

Diese Heilungsprozesse im Hirnstamm sind nach meiner Erfahrung nicht durch irgendwelche therapeutischen Interventionen zu beschleunigen. Hier bedarf es eines Zeitraums, der nicht beliebig verkürzt werden kann durch eine Dosissteigerung der Einzel-und Gruppentherapie oder arbeitsbezogene Maßnahmen. Dieses ist bei der Festlegung der Therapiezeit ganz wichtig und sollte nicht aus kostenpolitischen Gründen vermindert werden. Ein System, welches sich Jahr-Millionenjahre entwickelt hat, kann nicht innerhalb von 20 Jahren durch Leistungsträgerentscheidungen gekürzt werden. Die Behandlungszeiten von 4-6 Monate waren meiner Ansicht nach die angemessene Zeit, um die erste kritische Phase der Entwöhnung konstruktiv zu bewältigen. Selbstverständlich sind die anderen therapeutischen Interventionen erforderlich, um auf der Bewusstseinsebene durch kognitive Verhaltenstherapie Verhaltensänderungen bei den Betroffenen zu erzeugen, die die Abstinenz aufrechterhalten. Hier sind zu benennen z.B. ein effektives Alkoholablehnungs-training, eine alternative Freizeitgestaltung im Sinne einer positiven Verstärkung, durch Verbesserung der Überwindung emotionaler Spannungszustände und vieles mehr…    Diese therapeutischen Interventionen können dann besonders gut wirksam werden, wenn die neurobiologischen Mechanismen wieder ihre natürliche Arbeitsweise entwickelt haben. Wenn es im Hirnstamm zu einem Abbau der Schutzmechanismen gekommen ist, unterstützt dieses eindeutig die Wirkung und den Erfolg der anderen (großhirnorientierten) Therapiemaßnahmen. Diese Informationen sind meiner Ansicht nach wichtig, um einen entscheidenden Aspekt der Aufrechterhaltung der Abhängigkeitserkrankung zu verstehen und den betroffenen Menschen im Sinne von psychoedukativen Maßnahmen zu vermitteln. Dadurch können Phänomene wie Suchtdruck, unerklärliche Gereiztheit und die Wahrnehmung, dass die vom Therapeuten gemachten Aussagen gar nicht zutreffen, gut relativiert werden und mit den neurobiologischen Schutzmechanismen erklärt werden. Das entlastet häufig den Patienten und seine Angehörigen und stärkt seine Motivation über einen längeren Zeitraum Geduld aufzubringen und seine Frustrationstoleranz zu steigern.

Sinnvolle Therapieregeln:

Im Folgenden möchte ich erklären, warum gerade in der ersten Phase der Entwöhnung bestimmte therapeutische Interventionen und Regeln der Hausordnung sinnvoll sind. In dieser besonders kritischen Phase der Entwöhnung befindet sich der Hirnstamm, wie zuvor beschrieben, in einer Mangelsituation durch die Schutzmechanismen der Nervenzelle. Wenn nun ein suchtkranker Patient, der in einer Entwöhnungsklinik aufgenommen wird, nach zwei Wochen Einzelausgang hat, erlebt er beim Einkaufen in einem Warenhaus ein neurobiologisches Feuerwerk beispielsweise, wenn er an den Getränkeregalen vorbeigeht oder auf dem Weg zum Warenhaus von einem Dealer angesprochen wird mit der Frage, ob er nicht was „klarmachen“ möchte (Kokainkauf). Das Belohnungszentrum funktioniert als Erwartungsbelohnungszentrum in der Form, dass die Wahrnehmung und Erwartung, es komme bald zu einer Suchtmitteleinnahme, schon beim Gedanken daran zu einem positiven Grundgefühl als eine Art Vorweg-Belohnung führt. Ich möchte dies am Beispiel eines hungrigen Mannes deutlich machen: Ein hungriger Mann geht mit seiner Ehefrau zum Einkaufen und äußert den Wunsch, dass er auf seine Lieblingspizza bei seinem „Lieblingsitaliener“ Lust hat. In der gewählten Pizzeria sind fünf Tische vorhanden. Tisch ‚Eins‘ ist besetzt und der hungrige Mann und seine Partnerin setzen sich an Tisch ‚zwei‘. An Tisch eins wird die Lieblingspizza „Tutti Gusti“ bestellt und gebracht. Schon durch das Beobachten entsteht bei dem hungrigen Mann ein angenehmes Gefühl. Die Vorstellung, in absehbarer Zeit (in einigen Minuten) diese Pizza ebenfalls essen zu können ist mit der entsprechenden Dopaminausschüttung verbunden. Mittlerweile sind Tisch drei, vier und fünf ebenfalls besetzt und auch die Gäste dieser Tische haben Pizza „Tutti Gusti“ bestellt. Beim nächsten Öffnen der Küchentür wird die duftende Pizza an unserem hungrigen Mann vorbei an Tisch drei gebracht. Zunächst entsteht bei ihm eine kleine Enttäuschung. Dasselbe wiederholt sich mit Tisch vier und fünf und Sie können sich vorstellen, dass mit der Zeit bei unserem Mann eine zunehmende Gereiztheit bis zu aggressiven Impulsen entsteht, was neurobiologisch auch mit der Nichterfüllung der angekündigten und erwarteten Dopa-minausschüttung zu erklären ist. Wenn wir diese Situation auf einen suchtkranken Menschen in der ersten Phase der Entwöhnung übertragen, ist der Besuch eines Warenhauses, das Beobachten des Konsums auf einem Schützenfest, der Besuch einer Tankstelle oder das Anschauen von Werbefilmen vergleichbar mit der zuvor geschilderten Pizzeria-Situation. Der Hirnstamm befindet sich in einer Mangelsituation und es kommt bereits bei der Ankündigung oder Vorstellung eines möglichen Suchtmittelkonsums zu einer gewissen Neuro-transmitterausschüttung, die kurzfristig zu einem angenehmen, jedoch bei Nichterfüllung zu einem sehr unangenehmen Gefühl führt. Dieses kann sich in einem direkten Suchtdruck äußern (Verlangen nach dem Suchtmittel) oder in einem indirekten Suchtdruck (Auftreten von unangenehmen Zuständen), die dann häufig nur durch den Suchtmittelkonsum beseitigt werden können, weil die natürlichen Verstärker zu einer nicht ausreichenden Dopaminausschüttung führen können. Neurobiologisch befindet sich der Patient in einer Zwickmühle: ausgelöst durch Hinweisreize wird eine jahrelang vertraute Belohnung nicht erfüllt. Es kommt zu einem unangenehmen Zustand, der selbst nicht durch natürliche Verhaltensweisen wieder ausreichend reduziert werden kann. Dieses erzeugt einen starken Drang auf alte und vertraute Suchtverhaltensweisen zurückzugreifen. Zur Bewältigung dieser Krisensituationen sind suchtmedizinische, suchttherapeutische und psychotherapeutische Maßnahmen unterstützend hilfreich. Erst im Laufe der Zeit lernt der Patient alternative Bewältigungsstrategien und mit den zunehmenden Heilungsprozessen im Hirnstamm nehmen diese neurobiologisch bedingten, aufrechterhaltenden Bedingungen deutlich ab. Dieses Phänomen sollte bei den Ausgangs-regeln und Therapieregeln berücksichtigt werden! Der suchtkranke Mensch sollte darauf hingewiesen werden, dass der Besuch eines Schützenfestes oder die Teilnahme an einer Party, auf der eine ‚Tüte‘ rumgeht, mit einer erheblichen Belastung für den Hirnstamm und die anderen Bereiche des Gehirns verbunden ist. Dieses Erklärungsmodell ist für mich immer unabdingbar gewesen, um den Patienten in der Hellweg-Klinik Oerlinghausen die Sinnhaftigkeit der Therapieregeln, insbesondere der Aus-gangsregelung einschließlich der Familienheimfahrten transparent zu machen. Der beschriebene neurobiologische Mechanismus erklärt auch, warum Patienten gerade zu Beginn der Entwöhnungsbehandlung oftmals Abbruchgedanken entwickeln. Die im Alltag zur Verfügung stehenden, ineffektiven Bewältigungsstrategien wie z.B. viel Arbeiten, exzessiv Sporttreiben etc. stehen in den Kliniken nicht zur Verfügung. Dieses Nichtvorhandensein von Bewältigungsstrategien verstärkt den unangenehmen Zustand, der sich dann häufig in verstecktem Suchtdruck und Abbruchgedanken äußert. Der betroffene Mensch hat nicht das Vertrauen in die Selbstwirksamkeit der therapeutischen Intervention.

Suchtgedächtnis:

Schlussendlich sollen noch Aspekte des Suchtgedächtnisses, das sich durch den jahrelangen Konsum ebenfalls im Hirnstamm/Mittelhirn entwickelt hat, Berücksichtigung finden. Im Suchtgedächtnis sind die schönsten Trinkerlebnisse, die aufregendsten Abenteuer unter Alkohol sowohl inhaltlich als auch emotional, gespeichert. Darüber hinaus gibt es direkte und indirekte Hinweisreize, durch die das Gehirn gelernt hat, dass zeitnah ein Suchtmittelkonsum zu erwarten ist. Bei Alkoholkranken kann dies das Ansehen einer Bierflasche, der Besuch eines Schützenfestes, Alkoholwerbung im Fernsehen, der Besuch eines Grillfestes oder ähnliches sein. Bei heroinabhängigen Menschen könnte es das Finden eines Spritzenbesteckes, Aluminiumfolie, Löffel, Kerze und Feuerzeug bedeuten. Glücksspielsüchtige Menschen reagieren womöglich auf blinkende Lichter an einem Wandgerät, Spielhallenatmosphäre oder eine bestimmte Geräuschkulisse. Diese im Suchtgedächtnis gespeicherten Hinweisreize erzeugen im Sinne eines Erwartungsbelohnungssystems eine entsprechende Ausschüttung von Neurotransmittern (Dopamin), die das erwartete ‚Hurragefühl‘ erzeugt. Wenn dieses erwartete ‚Hurragefühl‘ nicht eintritt kommt es kurzfristig zu einer negativen Stimmungslage mit Gereiztheit und Unzufriedenheit, die dann wie zuvor beschrieben, suchtmittelkonsumauslösend wirken kann. Auch hier benötigt das Gehirn mehrere Monate, um Veränderungen in der Wahrnehmung und Bewertung von Hinweisreizen vorzunehmen. Daher ist es wichtig, stationäre, ganztägig ambulante Maßnahmen und Selbsthilfegruppenangebote so zu kombinieren, dass möglichst ein Behandlungs-und Begleitungszeitraum von 12 bis 18 Monaten (bei der Selbsthilfegruppe möglichst ein Leben lang) geschaffen werden kann, um dem chronischen jahrelangen Konsum konstruktiv entgegen zu wirken. Der regionale Behandlungsverbund eignet sich besonders, um eine derartig ausgiebige Behandlungsund Betreuungszeit zu ermöglichen.

Ist es möglich kontrolliert zu Trinken:

Im letzten Abschnitt soll noch einmal die Kontroverse zu dem Thema ‚kontrolliertes Trinken‘ vor dem Hintergrund dieser neurobiologischen Ergebnisse geführt werden. Nach meiner Einschätzung ist bei dem zuvor beschriebenen Veränderungen das ‚kontrollierte‘ Trinken nur in ganz seltenen Ausnahmefällen möglich. Deswegen sollte es als Therapieziel bei abhängigkeitserkrankten Menschen nicht formuliert werden, wohl wissend, dass jeder Suchtkranke möglicherweise ein Leben lang vom kontrolliertem Konsum träumt und hofft, dass irgendeine Therapieintervention, z.B. die ‚Wunderpille‘ gegen die Sucht gefunden wird, um diesen kontrollierten Konsum zu ermöglichen. Dazu ist folgende neurobiologische Erkenntnis hilfreich: durch den jahrelangen Konsum und die jahrelange Vergiftung kommt es nicht nur zu Schutzmechanismen im Bereich der Zellwand der Nervenzelle, sondern es kann zu einer veränderten Steuerung der chemischen Prozesse in der Nervenzelle kommen (Genexpression). Dies bedeutet, dass sich durch die jahrelange Vergiftung Stoffwechselvorgänge, die genetisch bedingt sind, verändern können, so dass der ursprünglich vorhandene moderate (kontrollierte) Konsum von Alkohol nicht mehr möglich wird. Wenn es zu einer Umstellung der gengesteuerten Stoffwechselprozesse kommt, ist der point of no return erreicht. Ein kontrollierter, durch das Großhirn gesteuerter Konsum, ist meiner Ansicht nach nicht mehr zu empfehlen, weil durch die genetisch gesteuerten Stoffwechselvorgänge Phänomene wie Kontrollverlust, Abstinenzunfähigkeit und Craving erneut, auch nach jahrelanger Abstinenz, hervorgerufen werden können. Jeder Suchtkranke hat eine größere Anzahl von Abstinenzversuchen hinter sich und hat die Erfahrung gemacht, dass er diese Phänomene mit dem Verstand (großhirngesteuert) nicht kontrollieren kann. Menschen, die diese Prozesse ‚kontrollieren‘ können werden meiner Ansicht nach nicht suchtkrank und tauchen deswegen auch im Suchthilfesystem nicht auf. Ich erkläre meinen Patienten offen und ehrlich: „Wenn diese Veränderungen einschließlich der Veränderungen im gengesteuerten Stoffwechselprozess stattgefunden haben, ist ein kontrollierter Konsum von Alkohol oder Cannabis nicht mehr möglich.“ Den neurobiologischen Beweis kann ich derzeit nicht durch Laborwerte oder bildgebende Verfahren abschließend antreten, aber im therapeutischen Prozess kann den betroffenen Menschen deutlich gemacht werden, dass Kontrollverlust, Abstinenzunfähigkeit und unwiderstehliches Verlangen nach dem Suchtmittel ein klinischer Beweis für diese neurobiologischen Veränderungen ist. Dieser diagnostische Prozess muss mit dem betroffenen sucht-kranken Menschen geführt werden, damit er seine Entscheidung in Bezug auf das Therapieziel ‚Abstinenz‘ treffen kann. Ich kenne bisher kein psychotherapeutisches oder medizinisches Verfahren und auch kein Medikament, welches diese, meiner Ansicht nach irreversiblen Stoffwechselveränderungen in der Nervenzelle korrigieren kann. Möglichweise werden neuere Forschungsstrategien zu anderen Erkenntnissen führen. Zum heutigen Zeitpunkt empfehle ich bei klinischen Hinweisen für die neurobiologischen Veränderungen auf den Konsum von Alkohol zu verzichten und eine lebenslange Abstinenz, möglichst rückfallfrei zunächst für die nächsten 24 Stunden, zu erreichen.

Schädlicher Konsum:

In dem Moment, wenn sorgfältig vom Arzt und Therapeuten die Diagnose Alkoholabhängigkeit (F 10.2) gestellt wird, ist meines Erachtens das Thema ‚kontrollierter Konsum‘ vom Tisch. Bei den Millionen Menschen in Deutschland, die einen schädlichen oder riskanten Konsum betreiben und bei denen die vorher beschriebenen neurobiologischen Veränderungen nicht chronifiziert eingetreten sind, ist das Thema des kontrollierten Konsums anders zu bewerten, dann z.B., wenn durch psychotherapeutische Methoden eine primär bestehende psychische Erkrankung beseitigt werden kann. In diesen Fällen kann der schädliche Konsum in Form von Missbrauch durch Methoden des ‚kontrollierten Konsums‘ verändert werden. An dieser Stelle ist für mich der Aspekt der Punktabstinenz beim Autofahren und bei wichtigen beruflichen und persönlichen Verpflichtungen ein entscheidender Parameter. Wenn diese Punktabstinenz nicht eingehalten werden kann, dann sollte die Abstinenz als Ziel festgelegt werden.

Fazit:

Abschließend möchte ich allen Betroffenen Mut machen sich auf den Heilungsprozess der Suchterkrankung einzulassen und dem Hirnstamm die Zeit zu geben, seine Heilungsprozesse ungestört durchführen zu können. Abstinent lebende Menschen erleben eine Heilung auf körperlichem, psychischem und sozialem Gebiet und machen viele positive Erfahrung auf ihrem spirituellen Weg. Die Suchterkrankung ist ein bio-psycho-sozial-spirituelles Störungsbild. Sie ist eine chronisch rezidivierende Erkrankung, wobei das Rückfallgeschehen einen Ausdruck der Erkrankung darstellt. Entscheidend, dass es gute Heilungschancen in einem regionalen Suchthilfesystem unter Einbeziehung der Suchtselbsthilfe gibt. Der vorliegende Vortrag soll dazu dienen, betroffenen Menschen und deren Angehörigen bestimmte neurobiologische Phänomene zu erklären, um in der ersten Phase der Entwöhnung die Abstinenz durchzuhalten und vorhandene Hilfsangebote des Suchthilfesystems in Anspruch zu nehmen.

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Sucht – Zahlen und Fakten

Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitsgefährdenter Form.

1,8 Millionen Menschen gelten als akut alkoholabhängig, bei weiteren 1,6 Millionen liegt Alkoholmissbrauch vor.

Männer sind mindestens doppelt so häufig betroffen wie Frauen.

Nur jeder Zehnte unterzieht sich einer Therapie, oft erst viel zu spät nach zehn  bis 15 Jahren Abhängigkeit.

Bei 20 bis 25 Prozent aller Arbeitsunfälle ist Alkohol im Spiel.

Menschen mit problematischem Alkoholkonsum fehlen 16-mal häufiger bei der Arbeit und können nur drei Viertel ihrer Arbeitsleitung erbringen.

1,5 bis 1,9 Millionen Menschen in Deutschland – je nach Schätzung – sind

arzneimittelabhängige. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Knapp 456.000 Menschen haben ein problematisches Verhältnis zu Glücksspielen oder zeigen bereits ein krankhaftes Spielverhalten.

560.000 Menschen sind internetabhängig.

Quelle: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), drogenbeauftragte.de

Das Drama der Sucht

Sucht als Thema ist spannend und komplex zugleich. Als Krankheit ist sie aber aber voller Tragik. Denn von der Sucht und seinen Folgen sind nicht nur die Süchtigen selbst betroffen, sondern ihre Kinder, der Partner, die Freunde, die Arbeitskollegen, der Arbeitgeber und letztendlich die Gesellschaft. Das Thema ist aber kein Produkt der heutigen Zeit. Es begleitet uns seit langer Zeit, nur die Risiken für eine Suchterkrankung sind größer und zahlreicher geworden. Schon die Griechen und insbesondere Platon haben sich mit dem Alkohol und dem Rausch beschäftigt. Auch der Prophet Mohammed hat das Trinken von Alkohol verboten, weil er beobachten konnte, welche Folgen es auf das Verhalten der Trinkenden hat. Martin Luther sagte: »Es ist ganz Deutschland mit dem Saufen geplagt. Wir predigen . . . und schreiben darüber, es hilft aber leider nicht viel.« Er hat aber nicht das Oktoberfest erlebt. Was würde er wohl sagen, wenn er die heutige Zeit erlebte, in der Alkohol überall zu bekommen ist, in der unsere Medien ja sogar Werbung für diese Droge machen. Der Begriff Sucht kommt aus dem Mittelhochdeutschen »Siechen« oder Althochdeutschen »Siuchan« und bedeutet so etwas, wie an einer schweren Erkrankung zu leiden, ohne Hoffnung auf Heilung. Zu einer Sucht kann sich jedes menschliche Verhalten und jede menschliche Aktivität entwickeln. Man kann es mit allem übertreiben, wie es der Volksmund zu sagen pflegt. Man spricht von Esssucht, Fettsucht, Besserwissersucht, Arbeitssucht, Sexsucht, Herrschsucht, Eifersucht und so weiter. Vielleicht werden wir auch bald von Smartphone- und Facebooksucht sprechen müssen. In der Literatur wird manchmal von Sucht, manchmal von Abhängigkeit gesprochen. Auch wenn der Begriff Sucht vielseitig angewendet wird, können beide Begriffe als Synonyme benutzt werden. Dass sich jedes menschliche Verhalten zu einer Sucht entwickeln kann, sieht man auch heute daran, dass man mittlerweile zwischen stoffgebundenen Süchten, wo eine Substanz im Spiel ist, wie Alkohol- oder Kokain-Abhängigkeit, und Verhaltenssüchten, wo keine Substanz im Spiel ist, wie Glückspielsucht, Internet- und Kaufsucht unterscheidet. Beide wirken nach ähnlichen Prinzipien auf die Psyche und haben fatale Folgen für den Süchtigen und seine Umgebung.

Wann ist ein Mensch süchtig?

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) hat bestimmte Kriterien festgelegt, woran sich Psychotherapeuten und Ärzte orientieren können, um eine Suchterkrankung zu diagnostizieren und genau zu sagen, ob ein Mensch süchtig ist oder nicht: Wenn der Betroffene ein starkes Verlangen oder einen starken Wunsch verspürt, Alkohol zu konsumieren oder Computerspiele zu spielen, Zigaretten zu rauchen oder Kaffee zu trinken. Der Wunsch ist so stark, dass der Betroffene, zum Beispiel der Alkoholiker, seinen Arbeitstag frühzeitig beendet, um Alkohol trinken gehen zu können, und der Computerspielsüchtige seinen Schultag, um Computer zu spielen. Auch während der Arbeit oder des Unterrichts denken die Betroffenen an das Suchtmittel. Bestimmte Alkoholiker haben immer etwas zum Feiern, bei jeder Gelegenheit wird darauf angestoßen: Keine Feier ohne Meyer. Wenn die Betroffenen im Umgang mit der Droge die Kontrolle verlieren. Die Betroffenen können nicht mehr bestimmen, wann sie beginnen, wie lange und wie viel sie spielen oder trinken und wann sie damit aufhören. Hier übernimmt die Droge die Kontrolle über das Verhalten und nicht umgekehrt. Sobald der Süchtige versucht, sein Verhalten zu kontrollieren, indem er den Alkoholkonsum oder das Computerspiel reduziert oder absetzt, treten verschiedene Entzugssymptome auf wie Nervosität, Schlafstörungen, innere Unruhe, depressive Verstimmungen. Bei Alkoholikern kann es im Rahmen eines Entzugs zu einem Alkohol-Delir kommen, das auch tödlich enden kann. Bei Jugendlichen, die computerspielsüchtig sind, kann es zu aggressiven Ausbrüchen kommen. Deshalb sind die Eltern computerspielsüchtiger Jugendlicher gut beraten, davon abzusehen, das Computerspielen ihrer Kinder mit Gewalt zu beenden. Viele computerspielsüchtige Jugendliche kommen erst wegen Gewalt und Wutausbrüchen gegenüber den Eltern in die Behandlung. Wenn durch den anhaltenden Konsum von Alkohol oder anderen Drogen oder Computerspielen der Körper und die Psyche eine Art Toleranz entwickeln: Das heißt, das Gehirn adaptiert sich immer aufs Neue an das Trinkverhalten und verlangt immer mehr von dem Suchtstoff, um den gleichen Effekt zu erzielen wie beim ersten Mal. Zum Beispiel kann es beim Computerspielabhängigen dazu kommen, dass er statt einer Stunde zehn Stunden am Stück spielen muss; wenn früher angenehm empfundene Aktivitäten oder Aktivitäten mit der Familie zu Gunsten des Alkoholkonsums oder Onlinespielens vernachlässigt werden. Wenn die Betroffenen die Droge immer weiter konsumieren, auch wenn sie um die negativen Konsequenzen ihres Verhaltens wissen. Ja sogar auch, wenn die negativen Folgen im Alltag spürbar sind, in Form von Konflikten in der Familie oder am Arbeitsplatz, im Schulversagen oder in Form von körperlichen Beeinträchtigungen. Deshalb ist Sucht nicht nur durch Einsicht und Willen allein behandelbar, sondern eine Lebensumstellung ist immer erforderlich.

Zahlen und Fakten

Damit wir uns das Suchtproblem in Deutschland bewusst machen, müssen wir folgende Statistiken am Beispiel der Droge Alkohol und Computerspielsucht genau betrachten. Circa 74 000 Todesfälle pro Jahr sind auf die Folgen von ­Alkohol zurückzuführen. Circa 25 995 Menschen im Alter zwischen 10 – 20 Jahren wurden 2010 stationär behandelt. Circa 9,5 Millionen Menschen in Deutschland haben Alkoholprobleme und ca. 1,3 Millionen sind alkoholabhängig. Unsere Gesellschaft hat auch viele lustige Sprüche entwickelt, die das Problem verharmlosen und zeigen, wie wir die Droge Alkohol in unser Leben und Wertesystem integriert haben. »Alkoholiker = Mitmensch, der so viel trinkt wie Sie und ich, den wir aber nicht leiden können«, »Alkoholiker werden zwar nur halb so alt, aber dafür sehen sie alles doppelt«, »Das Wasser ist des Ochsen Kraft, der Mensch trinkt Wein und Gerstensaft. Drum stoß ich an mit Bier und Wein, wer möchte schon ein Ochse sein«. Koma-Saufen ist ein Hit und Zeichen des Cool-Seins unter Jugendlichen, Tendenz rückläufig – Gott sei Dank. Dafür aber steigt die Anzahl der Computerspielsüchtigen rapide an. Circa 560 000 Süchtige zwischen 14 – 64 Jahren, und ca. 2,5 Millionen Menschen dieses Alters sind problematische Internetnutzer. Ungefähr 250 000 Menschen im Alter zwischen 14 – 24 Jahren sind internetabhängig. 1,5 Millionen im gleichen Alter sind aber problematische Internetnutzer. Laut Studie »Kinder in der digitalen Welt« (2015), durchgeführt vom Familienbundesministerium in Kooperation mit dem deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet und dem Heidelberger Sinus-Institut, sind etwa 1,2 Millionen Kinder zwischen 3 und 8 Jahren regelmäßig im Internet unterwegs. Es handelt sich um Kinder, die zum großen Teil noch nicht lesen und schreiben können. Sie erkennen aber Internetsymbole, die ihnen den Zugang zu verschiedenen Webangeboten ermöglichen. Das ist alarmierend und kann die Persönlichkeits- und Gehirnentwicklung des Kindes nur negativ beeinflussen. Umso erstaunlicher war die Reaktion unserer Familienministerin Manuela Schwesig: »Eltern möchten ihren Kindern einen guten Start in eine Gesellschaft ermöglichen, die sich zunehmend digital organisiert. Deshalb müssen Kinder von Anfang an die Chance haben, zu lernen, wie sie gut und souverän mit Medien umgehen.« Solche Aussagen sind unverantwortlich und zeugen von Unwissen und Ignoranz. Man kann nicht sagen, dass unsere Kinder schon im Alter von 3 Jahren damit anfangen sollen, Alkohol zu probieren, damit sie lernen, souverän mit der Droge umzugehen. Die Äußerungen der Ministerin sprechen für einen allgemeinen Trend in der Welt, sich passiv und widerstandlos den digitalen Entwicklungen unterzuordnen. In Deutschland werden Computerspiele als Kulturgut betrachtet. Sie können auch Kulturpreise gewinnen. Unsere Ministerin sollte vielleicht Kliniken, wo Kinder und Jugendliche mit Computerspiel- oder Internetproblemen behandelt werden, besuchen.

Der Vergleich zwischen Computerspielen und Alkohol ist überhaupt nicht abwegig. Alle Suchtstoffe, einschließlich Internet- und Computerspielen, aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn, das für Spaß und Freude zuständig ist. Wenn wir etwas tun, was uns Spaß macht, wird dieses System aktiviert. Wir spüren oder haben Spaß, weil die Aktivierung des Systems zur Freisetzung von Glückshormonen im Gehirn führt. Dies bedeutet, dass die Suchtmittel zu starken Veränderungen der Aktivitäten unseres Gehirns führen und mit der Zeit auch zur Degeneration der Strukturen des Gehirns führen können.

Warum werden Menschen überhaupt süchtig?

»Angesichts der scheinbaren Sinnlosigkeit, angesichts eines abgründigen Sinnlosigkeitsgefühls, wie es heute so sehr um sich greift, bleibt scheinbar nur der Rückzug in die pure Subjektivität bloßer Glücksgefühle, wie die Suchtgifte sie vermitteln.« Viktor Frankl

Die Menschen werden süchtig, weil sie ihrer Realität entfliehen möchten. Die Suchtstoffe und -mittel bieten dem Süchtigen dazu eine Alternative an. Der Süchtige kann in einer kurzen Zeit der Mensch sein, der er tatsächlich ist, aber in der realen Welt nicht sein darf. Die Tatsache, dass Menschen Suchtmittel brauchen, um zu sich zu finden, ist an der ersten Stelle ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft und deren Erziehungsmethoden und nicht nur ein grandioses Scheitern der einzelnen Betroffenen, wie es uns die Schulpsychologie zu vermitteln versucht. Dies bedeutet nicht, dass das Individuum von jeglicher Verantwortung für sein Verhalten und seine Gefühle freigesprochen ist. Jeder Mensch ist selbst für sein Glück verantwortlich und dazu verpflichtet, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, um sich selbst vor der um sich greifenden Sinnlosigkeit zu schützen. Diese Entwicklungsaufgabe gestaltet sich mehr oder minder schwer, je nachdem, welche gesellschaftlichen Bedingungen herrschen. Die unter dem Einfluss von Suchtstoffen und -mitteln erlebten Erlebnisse dienen meistens dem Ausgleich negativer Erlebnisse der realen Welt und des tagtäglich erlebten Scheiterns in Bezug auf die eigene Selbstentwicklung. Für dieses Scheitern kann nicht nur das Individuum alleine verantwortlich gemacht werden. Unsere Cool-Sein-Gesellschaft tabuisiert das Erleben und Mitteilen der eignen negativen Gefühle, verherrlicht die Inszenierung, toleriert keine Schwäche und gibt dem Schein mehr Gewicht als dem Sein. Freie Räume zur Auseinandersetzung mit den negativen Gefühlen auf gesellschaftlicher Ebene werden immer enger. Alles, was nicht in das Bild einer coolen, leichten und harmonischen Gesellschaft passt, wird durch unsere Unterhaltungsmedien glattgebügelt, obwohl die Realität gar nicht so heil aussieht. Konkurrenzkampf, Feindseligkeit, Angst und die große Schere zwischen Arm und Reich beherrschen das gesellschaftliche Bild. Unter diesen Bedingungen muss der Einzelne funktionieren. Er darf nicht das sein, was er ist, sonst wird er als nicht mehr belastbar, schwach und krank stigmatisiert und zur Behandlung geschickt. Um funktionieren zu können bleibt vielen Menschen nichts anderes übrig, als »in die pure Subjektivität bloßer Glücksgefühle, wie die Suchtgifte sie vermitteln«, zu flüchten. Es muss sich nicht nur um Suchtgifte handeln, sondern auch die Unterhaltungsmedien und das Essen können in diesem Sinne umfunktioniert werden.

Weitere Ursachen

Es gibt für Sucht nicht die Erklärung. Das Phänomen ist so komplex und vielfältig wie die Menschen, die darunter leiden. Deshalb werde ich von bestimmten Risikofaktoren sprechen. Es gibt bestimmte genetische Prädispositionen, die die Anfälligkeit für Sucht erhöhen. Aber diese Gene zu haben bedeutet nicht, automatisch süchtig zu werden, und sie nicht zu haben bedeutet nicht automatisch, dass wir nicht süchtig werden können. Im Allgemeinen kommt es auf das Zusammenspiel von Genen und Umwelt an. Es steht aber fest, dass bestimmte Menschen Alkohol nicht vertragen, weil bei ihnen ein bestimmtes Enzym nicht ausreichend produziert wird. Diese wiederholen den Konsum von Alkohol nicht und sind damit lebenslänglich vor einer Alkoholabhängigkeit geschützt. Auch die Verfügbarkeit von Suchtmitteln spielt eine wichtige Rolle, ob sich viel oder weniger Süchtige in einer Gesellschaft befinden. Zum Beispiel finden wir mehr Alkoholiker in Deutschland als in Saudi Arabien, wo Alkohol verboten ist.

Alkohol

Paul ist 43 Jahrevon alt, verheiratet und hat drei Kinder. Er ist Angestellter von Beruf und kam in die Therapie we­gen Alkoholproblemen. Jeden Abend trinkt er 4 Biere – und dies seit 10 Jahren. In den letzten Monaten hat er mit dem Trinken von Hochprozentigem angefangen. Er meldet sich häufig bei der Arbeit krank, weil er sich von den Folgen sei­ner Trinkerei kurieren muss. Als er anfing, schon morgens zu trinken, bekam er massive Konflikte mit seiner Frau. Au­ßerdem wurde er unter Alkohol seiner Frau und seinen Kin­dern gegenüber aggressiv. Die Frau hat ihm gedroht, sich von ihm zu trennen. Für sein Verhalten seiner Familie ge­genüber und für seine Alkoholabhängigkeit schämte er sich in Grund und Boden. Paul berichtet, dass er sich meistens vornimmt, nicht mehr als ein Bier zu trinken. Aber wenn er mit dem Trinken anfängt, kann er nicht mehr aufhören, bis er »stockbesof­fen« wird. Am Arbeitsplatz denkt er häufig an Alkohol und versucht, so früh, wie es geht, nach Hause zu kommen, um trinken zu können. Manchmal ist der Suchtdruck so stark, dass er in der Mittagspause ein Glas Wein in der Kneipe ne­benan trinkt. Er trinkt, wenn er sich freut, wenn er sich traurig fühlt, wenn er sich unter Stress fühlt, nach einem Streit mit seiner Frau oder seinen Arbeitskollegen. Alkohol hilft ihm, sich zu entspannen, runterzukommen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Seine Versuche, ohne fremde Hilfe auf Alkohol zu verzichten, blieben ohne Er­folg. Aber er weiß, dass es so nicht weitergehen kann und dass er auf eine Katastrophe zusteuert, wenn er weiter trinkt.

Der Weg aus der Alkoholfalle

Das Ziel der Therapie von Alkoholkranken soll immer die Abstinenz sein. Beim gleichzeitigen Vorliegen anderer le­bensbedingter Krankheiten hat die Behandlung der Sucht immer Priorität. Während der Therapie ist es wichtig und notwendig für eine erfolgreiche Behandlung, dass der Be­troffene keinen Alkohol mehr trinkt, sonst hat die Behand­lung keine Aussicht auf Erfolg. Deshalb habe ich mit Paul vereinbart, dass er sich einer Entgiftung unterzieht, bevor wir mit der Therapie anfangen können. Dies muss unter ärztlicher Beobachtung stattfinden, weil die Entzugssymp­tome heftig auftreten können und es zu einem lebensge­fährlichen Alkoholdelir kommen kann. Nach der Entgif­tung haben wir mit der Therapie angefangen. Gemeinsam wurden einige Therapieziele herausgearbeitet:

Klärung problematischer Trinkmuster und deren mög­lichen Folgen.

Frühzeitiges Erkennen und konstruktiver Umgang mit dem Alkoholverlangen und mit dem Suchtdruck.

Rückfallprophylaxe

Aufbau eines eigenen selbstfürsorgenden, gesundheits­förderlichen Verhaltens

Die Therapieziele konzentrieren sich sowohl auf das Hier und Jetzt als auch auf die Zukunft, ohne die Vergangenheit außer Acht zu lassen. Sie müssen so praktisch wie es nur geht gestaltet werden und zielen auf Veränderungen im täglichen Leben. Über eigene Probleme und Schwierig­keiten in der Therapie zu sprechen, ist wichtig und gut, reicht aber nicht aus, um nachhaltige Erfolge zu erzielen. Dazu bedarf es Veränderungen auf Handlungsebene. Um die eigene Sucht unter Kontrolle zu bekommen, muss das eigene Leben umgestellt werden, sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Sucht wieder zurückschlägt.

Zu 1: Gemeinsam mit Paul wurde über die Folgen seines Verhaltens reflektiert. Nicht, um ihm ein schlechtes Gewis­sen zu machen, sondern um ihn zu informieren und für die gesunde Alternativverhaltensweisen zu motivieren. Es ging um Sammeln und Recherchieren von Informationen zu dem Thema Alkoholabhängigkeit und deren kurz- und langfristigen psychischen, körperlichen, sozialen sowie fa­miliären Folgen. Paul konnte durch eigene Recherchen eine lange und breite Liste über diese Folgen erstellen. Folgende Folgen des Alkoholkonsums haben Paul er­schüttert und wurden in den Einzelsitzungen thematisiert: Suizidalität, Fettleber, Leberzirrhose, Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, Schädigung des Magens, Polyneuro­pathie, Wernicke-Enzephalopathie, was u. a. zu Bewusst­seinsstörungen, Desorientiertheit und Gangstörungen führt, Korsakow-Syndrom (Gedächtnisstörungen) und Schädigung des Sehnervs. Im nächsten Schritt habe ich Paul gebeten aufzuschreiben, wie sein Leben aussehen würde, falls diese Folgen bei ihm auftreten würden. Wie wird es seinen Kindern und der Ehefrau dabei ergehen? Da­durch wurde sein Bewusstsein für die Folgen seines Verhal­tens für sich und seine Umgebung sowie sein Bewusstsein für die Notwendigkeit eines abstinenten Lebens geschärft. Paul wurde ermutigt, jedes Mal, wenn er Alkoholverlangen verspürte, die Liste durchzulesen. Warum? Die Alkoholab­hängigkeit entsteht u. a. auch aufgrund des angenehmen unmittelbaren kurzfristigen Einflusses des Alkohols auf die Psyche in Form von Heiterkeit, Gelassenheit, Freudeemp­finden und Reduktion von seelischem Schmerz. Paul musste lernen, mehr an die langfristigen Folgen zu denken als an die kurzfristigen. Im nächsten Schritt wurde Paul motiviert, eine Lebens­linie mit einer Verlaufskurve seines Trinkverhaltens über sein gesamtes Leben zu zeichnen. Dadurch konnten ver­schiedene Phasen des Trinkverhaltens differenziert wer­den. Durch die Analyse der einzelnen Phasen und deren Vergleich konnte Paul wichtige Faktoren in seinem Leben identifizieren, die eine abstinenzförderliche Wirkung ha­ben. Zu diesen zählten z. B. positive Freizeitgestaltung,  stabile Arbeitsverhältnisse, glückliche Partnerschaft, zu­ friedenstellende Sexualität. Weiterhin fielen ihm bei der Analyse der Verlaufskurve seines Trinkverhaltens viele Peinlichkeiten auf: Sexuale Kontakte mit anderen Frauen, bei denen er sich an die Details nicht erinnern kann, wovon seine Ehefrau nichts weiß, und die ihm höchst peinlich wa­ren. Konflikte mit den Kindern und der Ehefrau, wo er handgreiflich und verbal verletzend wurde. Er konnte ent­decken, dass das Risiko zu trinken für ihn in den folgenden Situationen hoch ist: Wenn er abends alleine im Haus ist; wenn er mit Freunden in der Kneipe gewesen war; nach einem Konflikt mit der Partnerin; wenn er sich durch die Arbeitsanforderungen überfordert fühlte, mit seiner Über­forderung besser umgehen zu können; wenn er sich über die Partnerin oder seine Arbeitskollegen ärgere, um seine Gefühle runterzuregulieren, und wenn er seine Freizeit nicht aktiv und positiv gestalte, um aus seiner Langeweile rauszukommen.

Zu 2: Paul hat, wie viele andere Alkoholabhängige, Schwie­rigkeiten, das Verlangen nach Alkohol rechtzeitig zu identi­fizieren. Dies zu lernen ist notwendig, um sich gezielt und frühzeitig vor dem Trinken zu schützen. In mehreren Ein­zelsitzungen habe ich Paul gebeten, sich die letzten Trink­situationen imaginativ vorzustellen und sie so genau und ausführlich wie möglich zu beschreiben. Durch die Imagi­nation und das Nacherleben der Trinksituationen konnte er feststellen, dass sein Verlangen nach Alkohol mit Durstge­fühl, Nervosität und Zittern einhergeht. Durch die Durch­führung eines Tagebuches über sein Alkoholverlangen, konnte er lernen, das Verlangen nach Alkohol im Alltag zu identifizieren. Um diese Fähigkeit zu verbessern, ist die Konfrontations­therapie erfolgversprechend. Sie ist im Rahmen der Be­handlung von Alkoholabhängigkeit eine gut etablierte The­rapie. Sie läuft folgendermaßen ab: Der Betroffene bringt sein Lieblingsgetränk in die Sitzung mit. Eine Trinksitua­tion soll so realitätstreu wie möglich hergestellt werden. Bei Paul war es sein Wohlbefinden nach einer Streitsitua­tion mit seiner Frau. Der Streit mit seiner Partnerin wurde anhand von Rollenspielen simuliert. Der Betroffene wird dann aufgefordert, sich auf die Alkoholflasche zu konzen­trieren und zu beschreiben, was in ihm vorgeht. Danach soll er diese langsam öffnen, an Alkohol riechen, die Zunge mit Alkohol befeuchten, daran schmecken. Gleichzeitig fragt der Therapeut den Betroffenen nach dem Anstieg des Alkoholverlangens. Normalerweise steigt das Verlangen nach Alkohol am Anfang stetig an, ab einem bestimmten Niveau bleibt es stabil, um dann nach einer bestimmten Zeit zu sinken. Die Übung hat mehrere Ziele: Paul konnte lernen, auf die Signale des Verlangens zu achten und zu erkennen, dass das Verlangen nach einer bestimmten Zeit abebbt. Außer­ dem konnte er erleben, dass er wohl in der Lage ist, sein Ver­langen zu kontrollieren und knifflige Situationen gut zu überstehen. Die erste Übung erfolgt im Beisein des Thera­peuten, danach übt der Betroffene alleine ohne thera­peutische Begleitung. Anschließend habe ich Paul, als Teil der Konfrontationstherapie, motiviert, Restaurants und Kneipen aufzusuchen, in denen er gewöhnlich getrunken hatte. Die Erfahrungen wurden in den Einzelsitzungen aus­ gewertet. Dadurch gewann er mehr Selbstsicherheit und Selbstwirksamkeit im Umgang mit seinem Suchtdruck und den Risikotrinksituationen. Das automatisierte Trinkver­halten von Paul (Alkohol sehen/an Alkohol denken → Al­koholverlangen → Trinken) wurde unterbrochen.

Zu 3: Im Rahmen der Rückfallprävention lernte Paul, dass es nicht nur darauf ankommt, einen Rückfall zu vermeiden, sondern dass es genauso wichtig ist, aus einem »Ausrut­scher« keinen Dauerzustand zu machen. Daraufhin habe ich einen Notfallplan entwickelt und mit ihm vereinbart, dass er die Telefonnummer von seinem Hausarzt und sei­nem alkoholkranken (seit 10 Jahren abstinent lebenden) Freund immer bei sich haben sollte. Außerdem sollte er die Situation schnell verlassen und in der Psychiatrie oder beim diensthabenden Arzt anrufen. Darüber hinaus lernte Paul, über eigene Gedanken in Risikosituationen zu reflektieren. In Risikotrinksituationen gehen ihm ständig Gedanken durch den Kopf wie »Wenn ich jetzt trinke, wird der Tag vollkommen sein«, »Alle gön­nen sich was nach einem angespannten Tag«. Diese Gedan­ken münden meistens in so genannte erlaubniserteilende Gedanken wie »Ich werde nicht mehr als ein Glas Bier trin­ken, dies kann nicht so gefährlich sein«, »Ein Bier schadet nicht«. Dem Gedanken folgt die Handlung des Trinkens. Jede Kette dieser Gedanken wurde analysiert und reflek­tiert. Wichtig ist, dass Paul lernen konnte, diese Gedanken im Alltag zu reflektieren. Weiterhin wurden soziale Verführungssituationen iden­tifiziert (Geburtstagsparty, Treffen mit Freunden zum Es­sen, Partys mit Arbeitskollegen, Sommer-, Weihnachtfeste etc.). Es war wichtig für Paul zu lernen, durch Rollenspiele und Ablehnungstraining die Trinkangebote der Freunde, Bekannten und der Arbeitskollegen bestimmt und höflich abzulehnen. Vor dem Hintergrund der Charakterstrukturen von Paul war dies notwendig. Im Laufe der Übungen kam er zu dem Schluss, dass es für ihn einfacher wäre, allen ­Bekannten, Freunden (Ausnahme: Arbeitskollegen) offen mitzuteilen, dass er alkoholkrank sei und dass sein Thera­peut und sein Arzt ihm vom Trinken abgeraten hätten. Trotzdem habe ich Paul ermuntert, soziale Verführungs­situationen aufzusuchen und zu versuchen, das Gelernte in Bezug auf das Ablehnungstraining umzusetzen. Die er­lebten Erfahrungen wurden in den Einzelsitzungen ausge­wertet.

Zu 4: Im Laufe der Therapie ist Paul der Zusammenhang zwischen einer ausgeglichenen Lebensführung und dem abstinenten Leben deutlich geworden. Deshalb war es not­wendig, zu versuchen, den Patienten bei der Lösung part­nerschaftlicher Probleme zu unterstützen. Ich habe seine Frau zu einem Gespräch eingeladen. In der Paarberatung ging es darum, Situationen herauszuarbeiten, die im Rah­men der Paarbeziehung die Abstinenz von Paul gefährden könnten. Zum Beispiel: Die Verfügbarkeit von Alkohol zu Hause und Streit in der Familie. Es wurde besprochen, wie man Geburtstage oder andere Treffen mit Freunden ohne Alkohol organisieren könnte. Gleichzeitig war es wichtig, die wiederholten Enttäuschungen und gegenseitigen Ver­letzungen aufgrund der Alkoholerkrankung des Partners zu verarbeiten. Da ich Bezugstherapeut von Paul bin, war es mir wichtig, dass die Paartherapie im Allgemeinen bei einem meiner Kollegen stattfindet. Sowohl Paul als auch seine Frau haben sich darauf eingelassen und gefreut. Meistens wird Alkohol missbraucht, um eigene Gefühle regulieren zu können. Dies ist notwendig, wenn wir nicht gelernt haben, unsere Gefühle als normale psychische und körperliche Reaktionen wahrzunehmen und zu akzeptie­ren. Hier war es wichtig, dass Paul seine Biographie reflek­tierte. Der Vater war auch Alkoholiker. Er hat alles in der Familie bestimmt. Auch Paul hatte nach der Pfeife des Va­ters tanzen müssen. Für Gefühle und Zärtlichkeiten gab es keinen Raum. Der Vater war meistens abwesend. In den Ta­gen, wo er zu Hause war, hat er Angst und Terror verbrei­tet. Ohrfeigen gehörten zum Alltag. Paul hat als Kind lernen müssen, dass seine Gefühle, sein Ärger oder Wut nur Be­strafung mit sich brachten. Entsprechend ist er im Alltag unsicher und konfliktscheu. Er hat auch als Jugendlicher gelernt, dass seine Traurigkeit und Einsamkeit nur durch ­Alkohol zu bewältigen seien. Paul lernte im Rahmen der Therapie, seine Gefühle zu identifizieren, zuzulassen, zu akzeptieren und konstruktiv mitzuteilen. Zusätzlich hat er mühsam gelernt, Achtsamkeitsübungen im Alltag zu in­tegrieren, um die eigenen Gefühle herunterregulieren zu können. Das Erlernen eines konstruktiven Umgangs mit den eigenen Gefühlen, war eine Grundvoraussetzung für eine gesunde gefühlsorientierte Kommunikation, die Paul mit sich und seiner Umgebung in Einklang und Harmonie bringt. Das Abschlussgespräch nach etwa 1,5 Jahren therapeu­tischer Begleitung, war sowohl für mich als für Paul sehr bewegend. Paul hat es geschafft, sein Leben umzustellen und seine Suchterkrankung zu kontrollieren. Darauf war ich stolz, und darüber habe ich mich riesig gefreut.

Weitere Informationen:

https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/erkrankungen/alkoholmissbrauch-abhaengigkeit/alkoholmissbrauch-abhaengigkeit/

https://www.kenn-dein-limit.de/

http://www.meine-gesundheit.de/Alkoholmissbrauch

http://www.apotheken-umschau.de/Alkoholismus

http://www.psychologie.uni-wuerzburg.de/i4pages/…/51_Haefner_Alkohol_ICD.ppt

http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/krankheitenstoerungen/die-wahrheit-ueber-alkohol-folgen-wie-riskant-ist-alkohol-tatsaechlich-1_id_2261952.html

http://suchthilfe-magazin.de/alkoholismus/?gclid=CP3OoM2yxtMCFVUz0wodIKIGoA

http://www.suchtschweiz.ch/fileadmin/user_upload/DocUpload/alkohol_koerper.pdf

http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/sucht-wie-alkohol-den-koerper-zerstoert-1.1688126

http://www.null-alkohol-voll-power.de/wissen/koerperzerstoerer/alkohol-macht-kaputt/

http://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Broschueren/Suchtmed_Reihe_1_Alkohol.pdf