Informationen zum Orpheus Programm

Seminar Orpheus Programm Richelsdorf

https://www.suchthilfe.de/veranstaltung/jt/2011/musalek_orpheus.pdf

http://api.or.at/Klinikum/Therapie/Orpheusprogramm/130_Informationsblatt_Orpheusprogramm_SO-(1).aspx

Das Orpheus-Programm wurde vor einigen Jahren am Wiener Anton Proksch Institut entwickelt, in erster Linie zur Behandlung von Suchtkranken. Es ist keine Alternative zu bestehenden Therapien (medikamentös, verhaltenstherapeutisch etc.), sondern eine Ergänzung, die den Betroffenen Stütze und vor allem Freude auf ihrem Weg in ein autonomes, selbstbestimmtes – sprich: suchtfreies – Leben gibt. Im Fokus stehen dabei nicht die Defizite oder Probleme der Betroffenen, sondern die Erfahrung von Lebensfreude und neuer Kraft.

Grundgedanke des Orpheus-Programms

Der Name des Orpheus-Programms geht auf den gleichnamigen Sänger und Dichter aus der griechischen Mythologie zurück. Es heißt, sein Lied sei so schön gewesen, dass daneben sogar die Gesänge der Sirenen ihren Reiz verloren.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Orpheus-Programm in der Behandlung von Suchtkranken: Die Wirkungen von Suchtmitteln sind gut mit den Gesängen der Sirenen vergleichbar: Sie sind betörend schön und reizvoll – aber in letzter Konsequenz tödlich. Die beste Möglichkeit, der Verlockung zu entgehen, ist, etwas noch Schöneres, Reizvolleres zu schaffen, sodass die Sirenen/die Suchtmittel mit einem Mal nicht mehr so wichtig erscheinen.

Was bedeutet das für die Therapie von Suchtkranken?

Durch die Anreicherung des Lebens mit Schönem und Reizvollen kommt es zu einer “Umwertung der Werte” – aber nicht bloß zu einer kopfgesteuerten, sondern zu einer emotional gelebten. Menschen sind nämlich völlig unfähig etwas, das für sie eine hohe emotionale Wertigkeit hat, aus “Vernunftgründen” nachhaltig zurück zu reihen. Das kann man zwar versuchen, es wird aber nicht von Dauer sein. “Nicht Ideen, sondern Emotionen bewegen die Welt”, schreiben die beiden Psychiater Michael Musalek und Brigitte Hobl, “Überlegungen und Entscheidungen, die nicht emotional mitgetragen werden, haben auf unser tägliches Leben und Erleben keine wesentlichen nachhaltigen Auswirkungen.”

Genau das lässt sich bei Suchtkranken beobachten: Sie wissen um die Gefährlichkeit der Suchtmittel und um alle damit verbundenen Nachteile, trotzdem bleiben “die Sirenen” auf ihrer emotionalen Werteskala im obersten Bereich. Musalek: “Ein emotionales „Down-grading“ ist uns ganz und gar unmöglich. Die einzige Möglichkeit, die wir hier haben, ist, dass Anderes an emotionaler Wertigkeit so zunimmt, dass das vorher so hoch bewertete auf diese Weise an Wertigkeit verliert, quasi von den obersten Plätzen verdrängt wird.”

Die Grundstrategie im Orpheus-Programm ist es deshalb, das Leben mit so viel Schönem aufzufüllen, dass das Suchtmittel an Stellenwert verliert. Musalek: “Wir sind in der Regel nämlich auch ganz unfähig, auf eines der drei wichtigsten Dinge in unserem Leben auf Dauer – und möglicherweise sogar ein Leben lang, wie wir das gar nicht selten von unseren Suchtkranken fordern – zu verzichten. Demgegenüber kann es praktisch jeder schaffen, auf das zwanzigstwichtigste zu verzichten.” Das Orpheus-Programm sei ein solches indirektes „Down-grading-Programm“, so der Psychiater, durch emotionales „Up-grading“ von anderem Schönen würde das vormals emotional hoch bewertete Suchtmittel an Attraktivität verlieren.

Was ist ein “schönes Leben”?

Die WHO definiert Gesundheit nicht als die Abwesenheit von Krankheit, sondern darüber hinaus als einen Zustand körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens. Wohlbefinden ist aber ohne Freiheit nicht möglich – und gerade Freiheit ist es, die einem Suchtkranken fehlt. Der erste Schritt zu einem gesunden Leben, ist also das Wiedererlangen der persönlichen Freiheit. Kommt dazu noch die Erfahrung von Lebensfreude, also die Fähigkeit, in Lebenssituationen Freude zu empfinden, spricht man von einem “schönen Leben.”

Ziel des Orpheus-Programms

Suchtkranke auf den Weg zu einem “schönen Leben” zu bringen – das ist das erklärte Ziel des Orpheus-Programms. Was genau “schön” bedeutet, ist jedoch variabel: Was für den einen schön ist, muss für den anderen noch lange nicht schön sein. Aber auch: was heute für den einen noch schön ist, kann morgen für ihn nicht mehr so schön sein bzw. umgekehrt. Zudem können wir unsere Erlebnisfähigkeit verfeinern, sodass es uns möglich wird, auch dort Schönes zu erleben, wo wir früher noch unfähig dazu waren.

Daraus folgt: Die Therapieziele des Orpheus-Programm sind individuell unterschiedlich. Sie werden von Therapeut und Patient gemeinsam überlegt und können sich im Laufe des Prozesses immer wieder ändern.

Methoden

Um die gemeinsam gesetzten Ziele in der Praxis zu erreichen, wurden im Anton Proksch Institut verschiedene Module zur Lebensneugestaltung entwickelt. Der Therapeut dient dabei als Stütze und Begleiter, nicht als Trainer oder Lehrer.

Basismodul:

  • Aufmerksamkeit und Achtsamkeit

Am Anfang des Behandlungsprogramms stehen Aufmerksamkeits- und Achtsamkeitsmodule. In diesen Modulen gilt es nicht nur das Fühlen, sondern auch das physische Spüren des Schönen zu fördern. Dazu dienen ganz einfache Stimulationssituationen, zum Beispiel das barfüßige Gehen über verschiedene Unterlagen oder das Riechen von Düften aus verschiedenen Riechfläschchen, etc. Zuerst soll dabei einfach die sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit geschärft werden, denn viele Betroffene verfügen nicht (mehr) über die Möglichkeit, Sinneseindrücke zu erleben: In Zuständen der weitgehenden Gefühllosigkeit (Anästhesierung) zum Beispiel, wie sie im Rahmen von Depressionen oder aber auch unter Alkohol- bzw. Drogeneinwirkung auftreten können, ist eine Verminderung der Sinneswahrnehmung zu beobachten – bis hin zum völligen Ausfall der Wahrnehmungsformen.

In den weiterführenden Modulen geht es darum, den eigenen Lebensschwerpunkt im Rahmen eines als schön empfunden Lebens zu finden:

  • Körperwahrnehmung
  • Naturerlebnis
  • Kreativität und Kunst
  • Selbstreflexion
  • “Kosmopoesie” (das Gestalten der eigenen Welt)

Als letzte Stufe sieht das Orpheus-Programm “Genussmodule” vor, in denen jeder individuell seine Art und Weise des Genießens entwickeln und sich so eine (Kraft-)Quelle des Schönen für sein Leben erschließen kann.

Quelle:

Musalek Michael (2015), Behandlungsziel Schönes Leben – Das Orpheus Programm. In: Existenzanalyse 2/2015

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